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»129 Freunde«

Nur Ultras! Nur Fans!

Briefkasten auf, Briefe raus, Briefkasten zu. Werbung, Rechnung, Werbung, Kontoauszüge, Generalstaatsanwaltschaft Dresden, Postkarte von Oma, Werbung, Dauerkarte für Chemie. So sieht das aus im Sommerloch. Moment, Generalstaatsanwaltschaft Dresden? Na da! Zwei der Umschläge haben einen Zusammenhang und leider sind es nicht die Kontoauszüge und die Postkarte von Oma. Es geht um den Brief von Chemie und den aus Dresden.

Die Fakten

So oder so ähnlich ging es fast allen aus unseren Reihen, fast allen Ultras von Chemie, vielen aus unserem Umfeld und auch vielen weiteren Fans, Vereinsmitgliedern, Spielern, Familienangehörigen, Freunden und Kollegen – viele werden in den nächsten Tagen und Wochen noch folgen. Sie alle wurden abgehört. Die meisten als sogenannte Drittbetroffene, weil sie mit angeblichen Tätern in Kontakt standen, deren Verbrechen es sein sollte, Ultras und Fans von Chemie zu sein.

Als vor einiger Zeit ein an Absurdität kaum zu überbietendes, völlig an den Haaren herbeigezogenes Verfahren gegen eine angebliche kriminelle Vereinigung in Leipzig platzte, war nach der ersten Aktenlage ziemlich schnell klar: Das ist nicht alles. Als hätte die Dresdner Generalstaatsanwaltschaft mit ihren illegalen und ergebnislosen Überwachungsmaßnahmen gegen Ärzte, Journalisten, Rechtsanwälte und Sozialarbeiter nicht schon genug Scheiße verzapft, war nun Schwarz auf Weiß zu lesen, dass noch mindestens ein weiteres Verfahren angestrebt wird; mal vermerkt gegen die »Diablos«, mal gegen die »Ultra` Youth«, aber generell gegen die Ultras von Chemie. Nun kamen die ersten Briefe, und Überraschung: Die Verfahren werden eingestellt, denn eine kriminelle Vereinigung existiert einfach nicht!

Chemiefans, Ultras, Kriminelle

Habt ihr schon mal eine SMS geschrieben, in der ihr etwas ankündigt, was jeder weiß? So wie z.B. ein Fußballspiel? Also stellt euch mal vor, Samstag spielt Chemie gegen Zwickau, Sandersdorf oder irgendwas aus Berlin und ihr schreibt euren besten Freunden eine Nachricht, dass sie zum Spiel kommen sollen. Warum? Weil ihr Chemie gut findet, weil ihr viele Zuschauer bei eurem Verein haben wollt, und weil ihr Bock habt, mit euren Freunden die 90 Minuten zu verleben. Und stellt euch mal vor, deswegen seid ihr auf einmal in einer angeblichen kriminellen Vereinigung. Und alle Freunde, denen ihr eine SMS schreibt, werden dabei überwacht. Auch, wenn ihr telefoniert, hört jemand zu, und danach folgen eure Familie, eure Kollegen, einfach jeder.

Schon nach dem letzten Verfahren (ergebnislos eingestellt im Herbst 2016) ließ ein Blick in die Akten nur Kopfschütteln zu. Es herrschte einerseits Wut über die offenkundig fehlende Rechtsstaatlichkeit und andererseits Fassungslosigkeit über das Ausmaß der Überwachung. Dieses dürfte im aktuellen Verfahren, das circa 20 unschuldig Beschuldigte betrifft, noch größer sein. Auch jetzt haben sich bereits wieder die ersten überwachten Berufsgeheimnisträger, darunter Sozialarbeiter sowie Ärzte, bei uns gemeldet. Die staatlichen Organe Sachsens konstruierten damals ein Verfahren, das im Nichts endete und hatten nun nichts Besseres zu tun als –im deutschlandweit ersten bekannten Fall– ein Verfahren gegen eine Ultrasgruppe nach Paragraph 129 durchzuführen – ein Verfahren gegen die Ultras von Chemie. Doch es geht nicht allein gegen uns. Die Konstruktion dieses Verfahrens zeigt: Es sind alle Ultrasgruppen gemeint, es sind alle Fanclubs gemeint.

Es bleibt absurd

Der Vorwurf, eine kriminelle Vereinigung zu sein, wiegt schwer und er bleibt absurd. Nö, wir machen sicher nicht alles richtig, wir stehen auch für Sachen, die nicht jeder Bürger versteht oder die nicht bürgerlich angepasst sind. Fußball bei Chemie ist zwar familiär, aber nicht immer ein Kindergeburtstag. Doch aus was dieser Vorwurf konstruiert wird, lässt keinen anderen Schluss zu, als dass es hier um die strukturelle Kriminalisierung von Ultras und Fußballfans geht – und darüber hinaus aller Chemiefans. Wie sich manch ein älterer Fan erinnern wird, hat das ja staatssicherheitliche Tradition. So werden unsere regelmäßigen Treffen, bei denen wir Choreographien und Auswärtsfahrten genauso besprechen wie Hilfe für den Verein oder die Organisation des Flüchtlingshilfeprojektes »Refugees United«, als Hinweis auf eine kriminelle Vereinigung gesehen und überwacht - Treffen, in denen wir basisdemokratisch zusammenkommen und gemeinsam Sachen für den Verein organisieren. Treffen wie diese gibt es im ganzen Land, egal ob bei Fanclubs oder Ultrasgruppen. Die Kommunikation per Rund-SMS wird als Beleg für unsere geheime und kriminelle Vorgehensweise gewertet, das Treffen vor einem Auswärtsspiel auch schon mal durch Kameramänner im Gebüsch beschattet. Wir treffen uns nun mal vor den Spielen – das ist Fanalltag. Wir fahren als Freundeskreis und Chemiefamilie zum Fußball, um Chemie Leipzig zu unterstützen und wir kommunizieren darüber untereinander. Es ist ja gerade Mode, Fußballfans eine »konspirative Anreise« vorzuwerfen, weil sie nicht so fahren wie es irgendein Plan für sie vorsieht. Das Grundgesetz verteidigt unsere Freiheiten und dazu gehört auch, zum Spiel anzureisen, so wie man das für richtig hält. Der Weihnachtsmarkt –eines der Jahreshighlights für alle Chemiefans– wird in den Augen der Ermittler zur Geldbeschaffungsmaßnahme für eine kriminelle Vereinigung. Zunächst kann man vielleicht darüber lachen, aber es zeigt wie wenig Verstand die Ermittlungsbehörden besitzen. Der Weihnachtsmarkt wird von allen Fanclubs gemeinsam organisiert, um etwas für den Verein und die Fanszene zu machen. Und wenn Geld hängen bleibt, geht das in den Verein und in Choreografien gleichermaßen.

Alles für die BSG Chemie…

Wir verstehen uns als Ultras, als Fans und wir werden nicht hinnehmen, dass wir auf diese Art und Weise strukturell kriminalisiert werden sollen. Wir treten auf als Ultrasgruppen von Chemie und bilden mit vielen anderen Fanclubs und Fans der BSG Chemie eine starke Gemeinschaft, die in den letzten Jahren viel auf die Beine gestellt hat und immer wieder ihre Größe, Stärke und ihren Zusammenhalt demonstriert hat. Die Ermittlungen sind ein Angriff auf all das, auf all unsere gemeinsamen Projekte und auf den Verein als Ganzes. Wir vereinen viele verschiedene Charaktere, wir unterstützen unseren Verein auf breiter Ebene. Wir organisieren Fanfeste, stellen Jugendtrainer, Ordner, wir bauen an unserem Stadion, stellen eine Flutlichtkampagne auf die Beine. Das ist für uns »Ultras«, das ist für die Ermittler »kriminell«. »Wer eine Vereinigung gründet, deren Zwecke oder deren Tätigkeit darauf gerichtet sind, Straftaten zu begehen (…)« heißt es im Paragraph 129 des Strafgesetzbuches – wenn dem hier so wäre, dann hätten der Staat und vor allem die Zivis über 15 Jahre eine kriminelle Vereinigung gewähren lassen. Heute sind wir zwar älter, aber nicht anders als vor fünf oder vor zehn Jahren. Wir bekennen uns zu den Idealen von Chemie Leipzig und genauso zu unseren Idealen als Ultras. Das macht uns aber nicht zu einer kriminellen Vereinigung, es macht uns nur zu Ultras, nur zu Fans, die alles für ihren Verein tun und sich darüber hinaus gesellschaftlich engagieren.

129 Freunde

Wir könnten jetzt die Briefe wegwerfen und sagen: »Wir hatten recht, wir sind Ultras, lasst uns in Ruhe, wir machen einfach weiter!« Aber das geht nicht – nicht uns selbst gegenüber und ebenso wenig den vielen Menschen, die wir kennen und lieben und die einfach ein Recht darauf haben zu erfahren, was Staatsanwaltschaft und Polizei sich schon wieder geleistet haben. Wir wollen aufklären und zeigen, was hinter den Ermittlungen steckt, wer aus welchem Grund und wie überwacht wurde und warum die Vorwürfe falsch waren und sind. Darum werden wir in den nächsten Wochen mit »129 Freunde« eine Kampagne starten, die zugleich aufklären, aber auch unterstützen soll – Aufklären, was hinter dem Paragraph 129 steckt, wer betroffen ist und was dieses Ausmaß von Überwachung bedeutet. Es soll auch darum gehen, was politisch hinter der Schnüffelei steckt, welche Mechanismen dabei wirken, und auch, welche Kontinuitäten es in der Überwachung von Chemiefans gibt. Aber wir wollen auch für die Betroffenen, vor allem für die Beschuldigten, da sein, so wie es Freunde nun mal machen. Wir wollen Solidarität zeigen und Zusammenhalt – das, was uns als BSG Chemie Leipzig auszeichnet. Und natürlich werden wir immer weiter machen mit dem, was wir bis zum heutigen Tag gemacht haben, als Freunde. Weil wir keine kriminelle Vereinigung sind, sondern nur Ultras, nur Fans!