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Offener Brief der Koordinierungsstelle der Fanprojekte /KOS aus Frankfurt am Main

Nicht nur Rechtsanwälte, Ärzte und Journalisten waren im Rahmen der beiden Strukturermittlungsverfahren, die u.a. gegen Chemie-Fans liefen von der Überwachung betroffen und gehen mittlerweile juristisch gegen die Ermittler vor. Auch Mitarbeiter des Fanprojektes standen – teilweise sogar als Mitbeschuldigte – im Fokus von Überwachung und Ermittlungen. Verschiedene Dachverbände der Sozialen Arbeit mit Fußballfans sehen nicht zuletzt deshalb bundesweit das Vertrauens- und Arbeitsverhältnis zwischen Fanprojekten, Polizei und Staatsanwaltschaften gefährdet. In einem Offenen Brief, den renommierte Professoren der Sozialen Arbeit, u.a. Prof. Dr. Albert Scherr und Prof. Dr. Gunter A. Pilz, initiiert haben, um die Kriminalisierung von sozialpädagogischer Arbeit mit Fußballfans zu problematisieren, geben sie ihrer Kritik Ausdruck. Neben namhaften Wissenschaftlern aus dem gesamten Bundesgebiet unterstützen auch Wohlfahrtsverbände wie die Arbeiterwohlfahrt, Jugendhilfeträger sowie Dachverbände wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork die Forderungen nach Aufklärung, Transparenz und kritischer Aufarbeitung der Ermittlungspannen. Wir dokumentieren den Aufruf von KOS und der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte im Folgenden:

Gegen die Kriminalisierung der Sozialen Arbeit mit Fußballfans

Diese besondere und exponierte Stellung der Fansozialarbeit ist in Vereinbarungen zwischen den politischen und behördlichen Netzwerkpartnern sowie den Institutionen im Fußball festgeschrieben. Im Nationalen Konzept Sport und Sicherheit /NKSS heißt es deshalb u.a.: »Basis für eine erfolgreiche Fanarbeit ist ein durch intensive Beziehungsarbeit aufgebautes Vertrauensverhältnis zur Zielgruppe. Dies ist bei der Zusammenarbeit mit den Fanprojekten zu beachten.« Mehr noch: Die erfolgreiche Arbeit der Fanprojekte erfährt seit Jahren bundesweit breit akzeptierte und fachliche evaluierte Anerkennung. Dies äußert sich ganz aktuell in den Erkenntnissen der Deutschen Fußballfan-Studie der Hochschulen Bielefeld, Kassel und Potsdam sowie des vom Bundesforschungsministerium geförderten Verbundforschungsprojekts SiKomFan. Fanprojekte stärken u.a. das Selbstwertgefühl und Verantwortungsbewusstsein der jungen Fans. Sie agieren partizipativ und berechenbar. Klare Regeln und partnerschaftliche Kommunikation der Netzwerkpartner, u.a. mit Kommunen, Bundesländern, Jugendarbeit und Polizei, sollen Vertrauen und Verhaltenssicherheit bei jungen Fans schaffen. Fanprojekte unterstütze junge Fans, die sich gegen jegliche Form der Diskriminierung engagieren, insbesondere Rassismus, Sexismus, Homophobie und Antisemitismus. Aktuell besteht das Netzwerk der Fanprojekte, die auf Grundlage des NKSS arbeiten und gefördert werden, aus 58 Standorten, die mit 66 jugendlichen Fanszenen arbeiten. Schon 2007 formulierte der damalige Präsident des DFB, Theo Zwanziger, im Deutschen Bundestag »wenn es Fanprojekte nicht schon gäbe, man müsste sie erfinden!«

Vertrauensverlust auf allen Ebenen

Die Ermittlungen gegen den Mitarbeiter des Leipziger Fanprojektes führen all diese – bisweilen lange erkämpften – Grundsätze Sozialer Arbeit ad absurdum. Nicht nur, weil sie das Vertrauensverhältnis von Fanprojekten und Polizei beschädigen. Nicht nur, weil sie genuine Bestandteile Sozialer Arbeit zum Gegenstand tiefgreifender Ermittlungen machen. Nicht nur weil sie sich damit jeder inhaltlichen Auseinandersetzung um das »richtig« und »falsch« in der komplexen Arbeit mit Fußballfans entziehen und die Ebene von Diskurs und Streitkultur verlassen. Fatal wirken die Ermittlungen vor allem auf die jungen und jugendlichen Fans selbst. Welche Sicherheit und Gewissheit existiert noch für Fans, wenn selbst ihr Sozialarbeiter zum Beschuldigten wird? Warum mit Fanprojekten unter der Maßgabe des Vertrauensschutzes reden, wenn diese den Vertrauensschutz nicht gewährleisten können, weil die Judikative ihn ausgehebelt hat? Welches Selbstbild liefern und vermitteln Ermittlungsbehörden, wenn ihnen fast jedes Mittel – denn so scheint es hier – recht ist?

Fanprojekte brauchen Unterstützung, keine Verfolgung

Fanprojekte bearbeiten ein sehr schwieriges und komplexes Feld in der Sozialen Arbeit. Sie arbeiten in Grenzbereichen. Ein entscheidendes Merkmal von Fansozialarbeit ist das Vermögen, zwischen nahezu allen Institutionen und Personen, die im Fußballkontext und darüber hinaus agieren zu vermitteln und »zu übersetzen«. Die Sprache der Fans beherrschen sie dabei ebenso gut wie die der Institutionen. Die Offenheit und das Verständnis, die Fanprojekte in diesen Prozessen für alle Akteure aufbringen, sind ein besonderes Qualitätsmerkmal. Es gehört zum alltäglichen Geschäft von Fanprojekten, sich Auseinandersetzungen nicht zu verschließen, sondern diese zu fördern, zu strukturieren und in konstruktive Bahnen zu lenken. Die mit den Ermittlungen der sächsischen Behörden praktizierten Grenzverletzungen, das Negieren des Offensichtlichen, vor allem aber der Unwille darüber zu sprechen, ist für uns als Praktikerinnen und Theoretikerinnen der Sozialen Arbeit nicht akzeptabel.

Wir fordern deshalb...

  • anzuerkennen, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Jugendlichen und den Sozialarbeiter*innen der zentrale und unverzichtbare Kern für die Wirksamkeit aller erzieherischen Interventionen darstellt;

  • den Schutz dieses besonderen Vertrauensverhältnisses, insbesondere durch Sicherheitsbehörden und Polizei;

  • eine transparente und kritische Auseinandersetzung des gesamten institutionellen Netzwerks in Leipzig mit dem Ziel, dass die Arbeit des Fanprojektes zukünftig anerkannt wird und geschützt weiter geführt werden kann;

  • nachvollziehbare Bemühungen der Verantwortlichen von Staatsanwaltschaft und Polizei in Leipzig, die zum Ziel haben, ein auf Vertrauen basierendes Arbeitsverhältnis zum Fanprojekt herzustellen.