129-Logo

Interview mit Klaas, einem der Betroffenen des Anfang Juni 2018 eingestellten Verfahrens über die Wut, Ohnmacht und Sorgen, die selbst eine Verfahrenseinstellung mit sich bringen

Du bist einer der Betroffenen des nun eingestellten §129-Verfahrens. Erzähl doch zunächst bitte kurz, wie du davon erfahren hast und was dabei in dir vorging?

Klaas: In Kenntnis darüber gesetzt, dass ich jahrelang Teil der Ermittlungen war, wurde ich genau wie die anderen ehemaligen Beschuldigten per Brief. Als ich nach der Arbeit nach Hause gekommen bin und wie gewohnt meinen Briefkasten öffnete, flatterte mir der Umschlag entgegen. Beim Lesen des Absenders, der Generalstaatsanwaltschaft Dresden, wurde mir schon etwas mulmig im Magen. Andererseits hatte ich mir nichts zu Schulden kommen lassen. Insofern bin ich davon ausgegangen, dass ich möglicherweise als Zeuge oder ähnliches vorgeladen werden sollte. Als ich den Brief dann öffnete und meine Blicke erstmals über die Zeilen flogen, war ich zunächst etwas irritiert: Etwas mit »krimineller Vereinigungen« stand da und dass im Zuge dessen gegen mich ermittelt worden sei. Zu diesem Zeitpunkt war mir das Ganze sich dahinter verbergende Ausmaß und die Tragweite des Verfahrens allerdings noch nicht wirklich bewusst. Dass monatelang all meine Telefonate und Nachrichten mitgehört und mitgeschnitten worden sind, raffte ich erst später. So richtig wachgerüttelt haben mich dabei vor allem Gespräche mit weiteren Betroffenen. Denn wie sich kurz darauf herausstellen sollte, gab es noch eine ganze Reihe an Leuten, die ebenso von den Durchleuchtungsmaßnahmen erfasst waren.

Wie ging es dann weiter?

Klaas: Am Abend noch habe ich ein, zwei Anrufe von Personen bekommen, die eben auch solch einen Brief erhalten hatten. Uns war sofort klar, dass wir uns zwingend anwaltlichen Beistand zur Seite ziehen müssen, um überhaupt erstmal zu verstehen, was das alles bedeutet und wie es nun weitergeht. Das Abstruse daran für mich war eigentlich, dass ich bis dato noch gar keinen Anwalt oder so hatte, weil ich ja, wie vorhin gesagt, bisher nie auf einen solchen angewiesen war. Insofern musste ich mich da erst einmal informieren, an wen ich mich am besten wenden könnte. Das Rechtshilfekollektiv, die Fanhilfe von Chemie, hat mir bei der Suche sehr geholfen. Nun, nachdem ich eine sachkundige Anwältin habe finden können, haben wir zunächst einmal Akteneinsicht beantragt, um das ganze Ausmaß der Überwachung etwas besser greifen zu können. Gegen die TKÜ, also die Telefonüberwachung, bin ich natürlich in Widerspruch gegangen. Auch wenn es aussichtslos erscheint, möchte ich das Zustandekommen der Beschlüsse gerne prüfen lassen.

Stehst du darüber hinaus noch in Kontakt mit Personen, die dich bei der Aufarbeitung unterstützen?

Klaas: Ich wusste bereits, dass es vor nicht allzu langer Zeit bereits ein Verfahren in Leipzig mit ganz ähnlicher Ausrichtung gab, welches ebenso erfolglos eingestellt wurde. Ich habe mich dann an eine damals betroffene Person gewandt, um etwas mehr darüber zu erfahren und konkret, was der Staatsapparat damals genau gemacht hat und welche Informationen da eigentlich gesammelt wurden. Das war wirklich gespenstisch. Da waren Telefongespräche eines Verdächtigen anlässlich des Geburtstags seiner Oma protokolliert, ebenso wie irgendwelche Blödeleien mit Freunden, die eigentlich gar nichts mit Fußball am Hut haben. Als wenn die Abbildung der Inhalte an sich nicht schon schlimm genug wäre, wurden diese dann in einem zweiten Schritt auch noch mit irgendwelchen Interpretationen unterfüttert, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Da wird mal schnell ein selbst organisierter Weihnachtsmarkt für den Verein als Geldquelle für irgendwelche kriminellen Machenschaften interpretiert. Oder der Aufruf zum Baueinsatz im Alfred-Kunze-Sportpark als »konspirative Mobilisierung«, um Straftaten zu begehen. Das ist völlig absurd. Die Phantasie der Ermittler scheint da jedenfalls keine Grenzen zu kennen.

Hast du eine Idee, wie gerade du zum Teil dieses Verfahrens werden konntest?

Klaas: Diese Frage habe ich mir wirklich oft gestellt. Eine Antwort darauf habe ich allerdings bisher nicht finden können und ich hoffe wirklich, dass mir die Akten dann dazu etwas verraten. Was ich mir vorstellen kann ist, dass die Ermittler mich vielleicht als Netzwerkknoten oder so auszumachen glaubten, da ich ab und zu Rund-SMS verschicke, um über die anstehenden Chemie-Spiele zu informieren. Vielleicht bin ich dadurch ins Visier der Fahnder gerutscht, da meine SMS womöglich auch Leute erreicht haben, die bereits Teil der Ermittlungen waren.

Was hat das Verfahren insgesamt und das Bewusstsein, jahrelang belauscht worden zu sein, mit dir gemacht?

Klaas: Es ist schon ein bisschen Ironie in der Sache. Eigentlich gehöre ich nämlich nicht zu den Menschen, die hinter jeder Sache Verschwörungstheorien konstruieren oder staatlichen Maßnahmen reflexhaft misstrauen. Dazu habe ich einfach ein viel zu positives Menschenbild. Dass gerade ich nun Teil der Ermittlungen wurde, berührt mich daher doppelt. Ich mache mir viele Gedanken darüber, was ich am Telefon mit mir nahestehenden Menschen besprochen habe. Welche ungemein persönlichen Worte ich zum Beispiel mit meiner Freundin ausgetauscht habe. Das Bewusstsein, dass all diese Worte auch immer von einer dritten Person mitgehört, akribisch niedergeschrieben und womöglich noch in irgendeine Richtung interpretiert worden sind, ist wirklich abstrus. Abstrus ist auch, dass ich ein großer Freund von Ironie und Späßen bin, wobei ich mir bei meinen Gesprächspartnern immer sicher sein kann, dass die das auch richtig einzuordnen wissen. Bei den Ermittlungsbehörden kann ich mir dies allerdings nicht sein. Für die Zukunft habe ich für mich entschlossen, sowohl sehr persönliche wie auch ernste Dinge nicht mehr am Telefon zu besprechen. Auch jede Form von Wortwitz und Ironie habe ich mittlerweile abgestellt, in Gewissheit darüber, dass es von einem dritten Ohr womöglich fehlinterpretiert werden könnte und mir daraus ein Strick gedreht wird.

Briefe haben nicht allein nur die Beschuldigten erhalten, sondern auch Drittbetroffene, die im Zuge der Ermittlungen mit dir kommuniziert haben. Berichte doch mal bitte, wie deren Reaktion war.

Klaas: Im Grunde hat mein komplettes soziales Umfeld Post bekommen, meine Fußballkumpels, viele meiner Freunde außerhalb vom Fußball, Familienmitglieder, bis hin zu meinem Vorgesetzten auf Arbeit. Eigentlich fast alle Personen, die in irgendeiner Form mit mir in den letzten Jahren telefonischen Kontakt hatten. Verrückterweise hat meine Freundin, mit der ich eigentlich den meisten Kontakt hatte und mit Abstand die privatesten Dinge besprochen habe, keine Nachricht der Staatsanwaltschaft erhalten.

In diesen Briefen war vermerkt, dass gegen mich ein Verfahren nach §129 lief und dass die adressierte Person, die in dem Zeitraum mit mir telefonisch in Kontakt stand, somit von den Überwachungsmaßnahmen auch betroffen war. Dass das Verfahren ergebnislos eingestellt wurde, taucht lediglich als beiläufige, kaum wahrzunehmende Randbemerkung auf. Mittlerweile glaube ich, dass diese Art der Informationsübermittlung an die Drittbetroffenen auch einer gewissen Strategie folgt, nämlich die Erstbetroffenen (Anm. der Reaktion: also die vormals Tatverdächtigen) nachträglich ins soziale und mitunter berufliche Abseits zu schießen. Momentan bin ich dabei Schadensbegrenzung zu betreiben und in der Tat ist es wirklich schwierig, die Wogen wieder zu glätten. So fällt es doch unheimlich schwer, meiner Familie gegenüber klar zu machen, dass es sich hierbei um ein großes Missverständnis handelt. Der Brief kam von der Generalstaatanwaltschaft Dresden, einer vermeintlich hochgradig seriösen und vertrauensvollen Institution. Deutlich zu machen, dass auch diese mitunter Fehler macht und der Falsche ins Visier der Ermittlungen geraten ist, ist schon ein Unterfangen, bei dem man selbst mit viel Vertrauen und Argumentationsgeschick unheimlich auf Granit stößt.

Ein bekannter Spruch lautet: »Wer nichts zu verbergen hat, braucht nichts zu befürchten«. Was sagst du dazu?

Klaas: Schwierig. Ich selbst hatte ja nichts strafrechtlich Relevantes zu verbergen, wurde überwacht und stehe nun vor einem unheimlichen Scherbenhaufen. Im Zuge der Briefe an die Drittbetroffenen ist viel Vertrauen kaputtgegangen, was ich nun in mühevoller Kleinstarbeit wiederaufbauen muss. Oder mal anders formuliert: Welche zukünftige Schwiegermutter will schon einen Kriminellen an der Seite ihrer Tochter sehen? Von nun folgenden finanziellen Belastungen für die nachträgliche Aufarbeitung des Verfahrens mal ganz zu schweigen. Ich finde es wichtig, dass den Leuten bewusst ist, dass auch staatliche Behörden fehlbar sind und ausufernde strukturelle Überwachungen keineswegs zu mehr Sicherheit führen. Im Gegenteil, letztlich schüren solche Maßnahmen Einschüchterungen und Ängste – was sowohl für die davon betroffenen Personen schwerwiegende Konsequenzen hat, aber auch von einer aufgeklärten Gesellschaft nicht gewollt sein kann. Keine Ahnung, ob so etwas wie eine Entschuldigung der Ermittler angebracht wäre. So etwas wie »Fehlerkultur« oder eine Institution, die die Vorgänge, die zu diesem gigantischen Ermittlungswahnsinn eine Art kritische Aufklärung betreibt, fände ich da viel angebrachter.

Vielen Dank für das Gespräch!